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Wenn Angst die Kehle zuschnürt

Lunge und Psyche sind eng miteinander verknüpft. Wenn beide leiden, kann uns der Atem stocken. Was dann hilft
von Franziska Draeger, aktualisiert am 28.07.2016

Knoten im Hals: Wenn der Atem versagt

W&B/Michelle Günther

Edna Garcia Alvarez*, eine junge Frau aus New York, musste täglich nach Luft ringen, regelmäßig griff sie zur Akutmedikation. Doch nicht immer löste ihr Asthma die Atemnot aus. Manchmal war es Angst, die ihr die Luft raubte. Irgendwann waren zu der Bronchienerkrankung Panikattacken hinzugekommen. Wenn die Angst in ihr hochstieg, hyperventilierte sie, atmete übermäßig schnell, bis ihr schwindlig wurde.

"Panik- und Asthmaattacken sind manchmal schwer zu unterscheiden", sagt der Psychologe Professor Jonathan Feldman von der Ferkauf Graduate School of Psychology in New York, der die 23-Jährige behandelte. "Beide Erkrankungen gehen häufig Hand in Hand und können sich gegenseitig hochschaukeln." Stickige Räume versetzten Alvarez in Panik, deshalb ging sie an eisigen Wintertagen oft vor die Tür. Die schneidende Luft aber förderte ihr Asthma. Hyperventilierte sie aus Panik, trocknete das ihre Atemwege oft so aus, dass tatsächlich ein Asthmaanfall folgte. Wenn sie – oft fälschlicherweise – ihr Akutspray zur Bronchienerweiterung nahm, beschleunigte sich ihr Herzschlag, was wieder Angst schürte. Sie lebte in einem Teufelskreis.

Lernen, mit Panikattacken umzugehen

Psyche und Atmung sind eng miteinander verknüpft. Bei Alvarez waren beide nicht nur verbunden, sondern regelrecht ineinander verknotet. Feldman versuchte, diese Knoten zu lösen. Alvarez lernte bei ihm, die Symptome der Panik als solche zu erkennen. Er drehte sie auf einem Bürostuhl, bis ihr schwindlig wurde wie bei einer Panikattacke, nur ohne die Angst. Unter Anleitung hyperventilierte sie absichtlich, um ein Gefühl dafür zu bekommen. Sie erlernte Atemtechniken, die die aufkeimende Angst linderten. Mehr und mehr erlangte die junge Frau die Kontrolle über ihre Emotionen zurück, und in gleichem Maß nahmen die Panikattacken ab. Die neue Kraft nutzte sie, um ihre Asthmatherapie konsequenter durchzuführen, die Anfälle wurden seltener. Objektive Signale – erhöhte Schleimproduktion, schlechte Lungenfunktion – zeigen ihr, wann sie das Akutspray wirklich braucht.

Die Beziehung von Atem und Psyche beschreibt schon die Sprache. Wir sagen "Lebenshauch", "Mir stockt der Atem", "Angst schnürt die Kehle zu". Mit dieser Beziehung beschäftigt sich auch der Psychologe Thomas Janssens von der Universität Leuven (Belgien). "Es ist wichtig, dass Atem und Psyche so eng gekoppelt sind. Stress bereitet einen darauf vor zu fliehen. Schneller atmen, mehr Luft bekommen ist gut zur Vorbereitung. Deshalb erweitern sich normalerweise die Atemwege. Dass sie sich bei Asthmapatienten gerade bei Stress verengen, ist völlig kontraproduktiv. Warum sie das tun, kann man sich nicht recht erklären."

Gefährliche Kombinationen

So wie Asthma häufig mit Angst einhergeht, wird COPD, eine chronische Lungenerkrankung, oft von Depressionen und Ängsten begleitet – auch eine gefährliche Kombination. "Leider reden die wenigsten darüber", sagt Professor Klaus Kenn, Lungenfacharzt in der Reha der Schön-Klinik Berchtesgadener Land. "Wo Krebspatienten fast automatisch nach ihrer Psyche gefragt werden, werden COPD-Patienten oft alleingelassen."

Wer die Diagnose COPD bekommt, fällt häufig in ein Loch. Das ist ganz normal, doch sollten Ärzte darauf achten. Wenn Patienten keinen Ausweg finden, kostet das Lebensfreude – und Lebenszeit. Eine Studie zeigte jüngst, dass Frauen, die COPD und Depressionen hatten, deutlich früher starben als andere. Einen Grund sahen die Forscher darin, dass die Kombination aus beiden Krankheiten es erschwerte, die Alltagsmedikation durchzuhalten. Auch machte sie es beinahe unmöglich, weiteren Empfehlungen zu folgen: moderate Bewegung, kurze Spaziergänge, an die frische Luft gehen.

Die Psyche braucht Aufmerksamkeit

"Viele igeln sich ein, isolieren sich völlig. Eine Patientin brachte es so auf den Punkt: Ich sitze am Fenster und schaue anderen beim Leben zu", schildert Kenn. Zwischen 30 und 80 Prozent der COPD-Patienten leiden laut Studien an Depressionen. "In dieser Gruppe kommen Depressionen tatsächlich öfter vor. Untersuchungen, die ich gemeinsam mit Psychologen durchgeführt habe, zeigen aber, dass in vielen Studien die Diagnose Depression oft vorschnell getroffen wird", sagt Kenn. "Nach unseren Ergebnissen sind das häufig nur einzelne Symptome wie Niedergeschlagenheit und Mutlosigkeit. Betroffene brauchen dann gar keine Medikamente, sondern nur jemanden, der zuhört." Er plädiert an seine Kollegen, aufmerksamer zu werden für die Psyche der Patienten.

Dabei sollten sie ein Thema nicht scheuen: die Lebensende-Angst. Diese kennt auch Kenns Patient Joachim Tanner* aus München. Der ehemalige Hochschullehrer hadert mit seiner Krankheit und ihrem Fortschreiten. Er lebt seit einigen Jahren mit COPD, doch anfangs verschlimmerte sie sich nur unmerklich. "Der Verlauf war dieses Jahr so dramatisch, das macht mir Angst."

Spirale aus Beklemmung und Atemnot durchbrechen

Seit er sich einer aufwendigen experimentellen Operation unterzog, arbeitet seine Lunge noch schlechter. Sein Bewegungsradius wird begrenzt von der Sauerstoffflasche, die er stets in Griffweite haben muss. Er liebte es, zu reisen, zu segeln, das Wasser ist sein Element. "Aber ich fühle mich nur wohl, wenn ich obendrauf bin. Schwimmen oder Tauchen ist mir ein Gräuel. Ich hatte schon immer Angst zu ertrinken." Eben diese Angst spürt er, wenn er an die Zukunft denkt. "Ich will nicht ersticken." Zumindest die Sorge um das Wie konnte Kenn ein wenig lindern: "Er muss nicht unter Erstickungsängsten sterben, eine milde Sedierung kann Angst und Atemnot reduzieren." Haben Atemwegspatienten weniger Angst, nehmen auch körperliche Symptome oft etwas ab. "Hier können Schulungen zum Krankheitsmanagement und ausführliche Arztgespräche schon viel helfen. Manchmal ist natürlich auch eine Psychotherapie nötig", sagt Janssens. Kenn fügt hinzu: "Auch wir Lungenärzte sind gefragt, zuzuhören und nachzuhaken, wenn Patienten sich nicht trauen, psychische Nöte anzusprechen."

Verständnisvolle Gespräche, mehr Wissen, Bewegung in Maßen können die Spirale aus Beklemmung und Atemnot durchbrechen und Patienten wieder das Gefühl geben, die Krankheit halbwegs unter Kontrolle zu haben – sodass sich der Griff um die Atemwege etwas lockert. Neuen Mut schöpfte auch Joachim Tanner. Er plant noch einmal eine größere Reise.

*) Name von der Redaktion geändert



Bildnachweis: W&B/Michelle Günther

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